Heute gedenken wir der Millionen Menschen, die unter dem nationalsozialistischen Terrorregime ermordet, gedemütigt und entrechtet wurden. Wir erinnern an die Jüdinnen und Juden, die Sinti und Roma, die politischen Gegner*innen, die Menschen mit Behinderungen, queere Menschen, die Zwangsarbeiter*innen und alle anderen, die dem Rassismus und der Tyrannei zum Opfer fielen. Sie alle hatten Namen, Geschichten, Hoffnungen. Ihr Leben wurde ausgelöscht, weil eine menschenverachtende Ideologie zur staatlichen Praxis wurde und zu viele wegsahen, schwiegen oder mitmachten.
Dieser Tag ist kein Tag der Rhetorik. Er ist ein Tag der Verantwortung. Verantwortung dafür, dass wir die Stimmen der Überlebenden hören – solange es noch möglich ist. Verantwortung dafür, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen: wenn Hetze und Menschenfeindlichkeit wieder salonfähig werden, wenn soziale Spaltung und autoritäre Versprechungen an Boden gewinnen, wenn die Würde des Einzelnen infrage gestellt wird.
Die Lehren aus der Geschichte sind keine abstrakten Warnungen. Sie sind Auftrag für unser heutiges Handeln. Ob in der Flüchtlingspolitik, im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus oder im Einsatz für eine solidarische Gesellschaft – wir müssen denen widersprechen, die Ausgrenzung und Ungleichwertigkeit predigen. Wir müssen denen zur Seite stehen, die heute Schutz und Solidarität brauchen.
Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offen auf Straßen, in Parlamenten und im Netz sichtbar wird, in der Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Lebensweise angegriffen werden, ist das Gedenken untrennbar mit der Frage verbunden, wie wir heute handeln. Demokratie, Menschenwürde und Solidarität sind nicht selbstverständlich. Sie müssen jeden Tag verteidigt werden – auch dann, wenn es unbequem ist.
Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist keine Last, sondern eine Verpflichtung. Sie mahnt uns, wachsam zu bleiben – nicht nur an Gedenktagen, sondern jeden Tag. Sie erinnert uns daran, dass Demokratie und Menschenrechte keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern errungene Werte, die wir verteidigen müssen.
Der 27. Januar ist kein Tag der Selbstvergewisserung, sondern ein Tag der Selbstprüfung. Die Opfer des Nationalsozialismus mahnen uns, wachsam zu bleiben und uns einzumischen – für eine offene Gesellschaft, in der die Würde jedes einzelnen Menschen unantastbar ist.
Dieses Gedenken verlangt von uns vor allem eines: Demut. Demut angesichts des unfassbaren Leids, das von Deutschland ausging. Demut darüber, dass Erinnerung niemals abgeschlossen ist und Verantwortung nicht verjährt. Wer heute an die Opfer erinnert, darf das nicht ritualisiert oder bequem tun. Erinnerung ist keine Floskel, sondern eine Verpflichtung.
Gazi Freitag, Landesvorsitzender, Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein
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