Interview mit dem Landesvorstand

22.Dezember.2017Die Energie für ihre Arbeit ziehen sie „aus einer steifen Brise am Meer und einem Schnack mit Freunden“ und ihr politisches Engagement entwickelte sich, weil sie sich „einmischen wollten, statt einfach nur zu nörgeln“: Seit Oktober 2017 ist der neue schleswig-holsteinische GRÜNE Landesvorstand im Amt. Wie ihre Visionen für die Zukunft der GRÜNEN aussehen und was sie am liebsten von heute auf Morgen in der Welt verändern würden, verraten Ann-Kathrin Tranziska (Landesvorsitzende), Steffen Regis (Landevorsitzender), Anna Rogge (Schatzmeisterin), Malte Krüger (Beisitzer) und Kerstin Mock-Hofeditz (Beisitzerin) im Interview.

Wie ist dein Interesse an Politik geweckt worden?

Ann-Kathrin: Ich kann mich eigentlich nicht daran erinnern, mich irgendwann nicht für Politik interessiert zu haben. Themen, die mich bewegten, waren schon als Kind die Haltungsbedingungen von Hühnern, die Vermeidung von Plastikmüll und der Erhalt der Umwelt. Auf die Idee, mich selbst politisch zu engagieren, bin ich in Pinneberg gekommen: Ich wollte mich einmischen, statt „einfach nur zu nörgeln“. In diesem Zuge habe ich mich für die GRÜNEN entschieden: Die Partei war schon immer meinem Bauchgefühl und Empfinden am nächsten.

Steffen: Das ist wohl mit der Zeit an vielen Abenden zu Hause mit Diskussionen und der Tagesschau gewachsen. Meine erste Demo mit 500 000 Menschen in Berlin gegen den Irakkrieg 2003 ist mir noch gut in Erinnerung, weil mir ein Gefühl davon vermittelt wurde, dass Politik überall und nicht nur „da oben“ gemacht wird. Richtig aktiv wurde ich dann 2006 als man wegen Integrationsproblemen Schulen einzäunen wollte und später an der Uni Kiel als die große Bachelor-Master-Bildungsreform eher neue Ungerechtigkeiten schuf, als alte zu beheben.

Kerstin: Mein Elternhaus war politisch, Nazideutschland hat immer eine große Rolle gespielt, weil es die Kindheit meiner beiden Eltern auf üble Weise geprägt hat. Als Schülerin war ich in der Schülervertretung aktiv. Ich wurde Schulsprecherin und wenig später aktiv in der Friedensbewegung - Bonn und die großen Friedensdemos waren ja „um die Ecke“. Aber auch EMMA , die Kölner Frauenbewegung und die Hausbesetzungen waren wichtig.

Malte: Da ich erst auf eine Realschule gegangen bin, habe ich mich durch das Bildungssystem und seine schlechten Anknüpfungsmöglichkeiten an andere Schularten geärgert. Ich habe mich schon immer für politische Debatten interessiert, mein Politikwissenschaftsstudium war daher genau der richtige Anknüpfungspunkt.

Anna: In der Zeit des damaligen Bildungsministers Klug gab es – durch geplante Umstrukturierungen zu G8, der Profiloberstufe und Lehrer*innen-Verträge – starke Unruhe an den Schulen. Die Lehrer*innen haben gestreikt und es gab zahlreiche Schulproteste, für die wir sogar vom Unterricht freigestellt wurden. Das waren die Momente, in denen ich anfing, mich politisch zu engagieren.

Dein erstes Mal bei den GRÜNEN - wie war`s?

Ann-Kathrin: Um den GRÜNEN beizutreten, habe ich in der Kreisgeschäftsstelle Pinneberg angerufen und wurden zum Kaffeetrinken eingeladen mit einer sehr netten Dame, Beate, eingeladen. Aus diesem Termin ist letztendlich nicht nur wie geplant eine Mitgliedschaft geworden, sondern auch eine Freundschaft mit Beate. Sie war es auch, die mich zu meiner ersten Kreismitgliederversammlung mitnahm und zusammen mit anderen Mitreisenden dazu motivierte, als BDK-Delegierte zu kandidieren.

Steffen: Ich bin bei den GRÜNEN nicht nur wegen der Inhalte, sondern auch deshalb eingetreten, weil sie nicht so hierarchisch organisiert sind. Mein erstes GRÜNEN-Treffen war eine Sitzung der LAG Bildung und ich kam – wie so oft – zu spät. Alle waren mir gegenüber sehr offen und freundlich und so durfte ich gleich das Protokoll schreiben.

Kerstin: Das erste Mal bei den GRÜNEN war für mich unter einem  Kirschbaum am Rhein, wo wir im Garten eines Freundes den GRÜNEN Ortsverband Wesseling gegründet haben. Die Einreichung unserer Liste zur Kommunalwahl musste dann damals warten, bis ich 18 Jahre alt wurde.

Malte: Mein erstes Mal bei den GRÜNEN war mitten im Landtagswahlkampf und ich konnte in Wilster gleich mit anpacken. Dort standen wir neben dem Stand der CDU, wo ein Bauer unser GRÜNES Lastenrad mitleidig begutachtet hat.

Anna: Kurz nach Gründung der Eckernförder GRÜNEN Jugend-Basisgruppe, fand direkt der Landtagswahlkampf statt. Ich weiß aber nicht mehr genau, wann mein erster Kontakt zu den Alt-Grünen zustande kam; entweder war es bei einer Kreismitgliederversammlung, der Pappenparty bei Detlef oder beim Kaffeetrinken mit Robert. Die Atmosphäre war auf jeden Fall super!

Seit wann lebst Du in Schleswig-Holstein - und warum?

Ann-Kathrin: Ich lebe seit 2004 hier ­– ehrlicherweise ursprünglich wegen der Nähe zu Hamburg und meinen Eltern. Dass wir mit dem Umzug auf die andere Seite des Waldes das Bundesland gewechselt haben, war kein Thema damals. Das Wohnen im Hamburger Rand hat mich über die Jahre allerdings deutlich von den Vorzügen Schleswig-Holsteins überzeugt. Wenn ich jetzt gefragt werde, wo ich wohne, sagte ich nicht mehr „bei Hamburg“, sondern begeistert „in Schleswig-Holstein!“

Steffen: Seit 1996 als meine Familie von Rheinland-Pfalz in den Norden zog. Davor wohnte ich in Karlsruhe, geboren bin ich im schwäbischen Horb am Neckar.

Anna: Ich bin hier geboren und die Charité wollte mich als Medizinstudentin nicht haben. Naja, und mir gefällt‘s hier auch ganz gut. Gut, dass ich nicht nach Berlin gegangen bin!

Malte: Ich bin in Elmshorn in Schleswig-Holstein geboren und in Glückstadt zur Schule gegangen. Das Studium habe ich in Kiel begonnen und nach einem Auslandssemester in Kopenhagen fortgeführt. Schleswig-Holstein ist nachweislich das „glücklichste Bundesland“ und das einzige mit zwei Horizonten.

Kerstin: 1991 bin ich im Rahmen meiner Biologie-Diplomarbeit über Nonnengänse an den Westerhever Leuchtturm gekommen. Dort habe ich meinen Mann kennengelernt, der dort an seiner Diplomarbeit über Ringelgänse arbeitete… Gänse, Landschaft und Mann haben mich sehr überzeugt bleiben zu wollen!

Woher ziehst du deine Energie für deine Arbeit bei den GRÜNEN?

Ann-Kathrin: Daraus, dass es so viel zu entdecken gibt im Leben! Meine Kinder und mein Mann erden mich immer wieder und lenken meinen Blick auf das wirklich Wichtige. Zeit mit ihnen zu verbringen, ist der perfekte, gelebte Kontrast zu Sitzungen und dem gut organisiertem Parteileben. Außerdem gehe ich fast täglich laufen – dabei bekomme ich hervorragend den Kopf frei.

Steffen: Aus einer steifen Brise am Meer und einem Schnack mit Freunden.

Anna: Das klingt jetzt kitschig aber ich mag es, die Welt zum Besseren zu ändern. Ich finde es super, in einer Gruppe von Menschen zu sein, mit denen ich viele Visionen teile. Das motiviert mich sehr!

Malte: Immer wieder aus der Motivation heraus, dass wir die einzige Partei sind, die die größten Gefahren für die Zukunft meiner Generation effektiv anpacken wollen und gerade die Interessen junger Menschen im Blick haben.

Kerstin: Ich habe viel Spaß an der Zusammenarbeit mit Menschen und kann mir ein Leben ohne Politik nur schwer vorstellen. Meine Arbeit für die Abgeordneten und meinen Kreisverband hat sich in den letzten 18 Jahren auch sehr gut mit unserem Familienleben vereinbaren lassen, sodass für mich die Mischung stimmt.

Wenn du eine Sache von heute auf Morgen ändern könntest, was wäre das?

Ann-Kathrin: Weltfrieden ist eigentlich meine Standardantwort, aber das ist vielleicht zu abstrakt. Konkreter möchte ich den gesamten Bildungsweg – von der frühkindlichen Bildung über die Uni bis hin zu Fortbildungen – staatlich finanzieren. Das würde sehr viel dazu beitragen, mehr Chancengleichheit und eine bessere Life-Work-Balance in den Familien, egal welcher Herkunft, zu ermöglichen.

Steffen: Rüstungsexporte beenden!

Anna: Keine Gewalt mehr, weder sexualisiert noch in Form von Ressourcenmangel und Repressalien. Wenn kein Mensch mehr Angst um die Unversehrtheit haben bräuchte, würde sich die Dynamik unserer Welt schnell ändern.

Malte: Ich würde die Bahnpreise senken, die verbliebenen Atomkraftwerke abschalten und ein funktionierendes bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Aber als erstes würde ich ein Vereintes Europa schaffen – mit einer einheitlichen Sozialpolitik und einem demokratisch aufgewerteten Europaparlament. Ziel muss es sein, einen Europäischen Bundesstaat zu errichten, dafür setze ich mich ein.

Kerstin: Ich würde allen geflüchteten Menschen, die in ungesichertem Aufenthaltsstatus leben und Angst vor Abschiebungen haben, eine sichere Bleibeperspektive geben und den Familiennachzug ermöglichen.

Was sind deine Visionen für die Zukunft der Partei und der GRÜNEN Idee?

Ann-Kathrin: Schon seit einiger Zeit beobachte ich, dass GRÜNE Positionen, die noch vor ein paar Jahren von vielen als „Spinnkram“ abgetan wurden, immer mehr in breiten Teilen der Gesellschaft angenommen werden: Umweltschutz, Atomausstieg, Mülltrennung sind mittlerweile für viele Menschen selbstverständlich. Würden diese Entwicklung auch in den Bereichen Migrationspolitik, Sozialpolitik, Tierhaltungsstandards, Zeitmanagement und Frauenpolitik so weiter gehen, wäre ich begeistert! Etwaige Flügeldiskussionen werden hinfällig, wenn wir an der Meinungsbildung massiv beteiligt sind.

Steffen: Meine Vision der GRÜNEN Partei ist, wieder mehr Visionen zu entwickeln: Ideen, die über das Bestehende hinausgehen. Etwa zur Frage, wie wir die Digitalisierung nutzen können und um immer noch nicht gelöste Probleme der Vergangenheit zu überwinden. Wie können wir unser Handeln und Wirtschaften so ausrichten, dass globale Gerechtigkeit Wirklichkeit wird? Dazu werden wir GRÜNE mehr denn je gebraucht. Helmut Schmidts Zitat „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen,“ passt zwar vielleicht zum heutigen Zeitgeist – aber der könnte angesichts von Klimawandel, sozialer Spaltung und Nationalismus falscher nicht sein.

Anna: Ich möchte, dass wir mehr Menschen mit unseren Ideen begeistern können; dass wir die Welt verbessern. Ich möchte, dass wir eine vielfältige und dynamische Partei bleiben und die GRÜNE Idee umsetzten. Ich möchte, dass wir der Welt Alternativen zu einem „weiter so“ zeigen und uns für essentielle Themen wie Menschenrechte und Klimaschutz konsequent einsetzen.

Malte: Mitgestaltung leben und immer unangepasst bleiben. Wir dürfen nie die humanitären Grundsätze verlieren, nach denen wir unsere Politik ausrichten. Eine Politik mit Weitsicht ist das, was uns GRÜNE auszeichnet.

Kerstin: Ich wünsche mir, dass die GRÜNEN ihren humanitären und feministischen Grundsätzen treu bleiben und eine nachhaltige ökologische Politik machen. Für uns in Schleswig-Holstein wünsche ich mir einen engagierten Kommunalwahlkampf und ein Mehr an GRÜNEN Gesichtern und Stimmen überall im Land in den Räten und Kreistagen.